Anpassen? Nein, nicht auffallen!

Oft begegnen meinem Familienmitglied und mir die Worte „Anpassen“ und „Integrieren“.

Sie implizieren den Willen und die Fähigkeiten, sich bestehenden Normen und Regeln unterzuordnen, beziehungsweise mit ihnen konform zu leben.

Dem ist bei uns nicht so.
Wir akzeptieren die sozialen Gegebenheiten zwar, anpassen tun wir uns jedoch nicht.

Nicht auffallen, dass ist die richtige Beschreibung.

In meinem Beitrag Gehst du bitte auf die Toilette? beschreibe ich, wie dies bei mir beispielsweise im Kindergarten abgelaufen ist.

Meine Devise war es, bloß nicht aufzufallen. Ich schaute, was die anderen Kinder taten, was bei meinen Erzieherinnen angesehen war und wofür die Kinder Lob erhielten. Ich leitete mir daraus ein für mich „passendes“ Verhalten ab, ein Verhalten, welches es mir ermöglichte so optimal wie möglich durch mein Leben zu kommen.

Es waren keine Dinge die ich intuitiv tat.
Ich lernte sie.

Dahinter steckte viel Ehrgeiz und Fleiß. Viel Zeit wendete ich auf, um alles für mich passende zu analysieren. Um die Kinder und ihre Verhaltensweisen zu vergleichen und mir die Sahnehäubchen herauszupicken und sie anschließend selber anzuwenden.

Benahm sich ein Kind „schlecht“ immitierte ich diese Verhaltensweisen nicht. Ich nutzte nur zielorientiertes Handeln für mich.

Manche Kinder waren schlau, von ihnen konnte ich viel lernen. Andere weniger, diese mied ich auch eher. Der Umgang mit ihnen hatte keinen „Nutzen“ für mich. Uns verband keine emotionale Bindung und dazu kam, dass sie mich auch nicht interessierten.

In meinem Beitrag Wisch bitte die Treppe erläutere ich meine Anstrengungen, in der Arbeitswelt nicht aufzufallen.
Meine komplexen Denkprozesse und die vielen aufkommenden Fragen geheim zu halten.

Auch in diesem Bereich meines Lebens war mein oberstes Ziel, nicht aufzufallen.
Fielen mir Arbeitsschritte schwer oder verstand ich sie nicht auf Anhieb, versuchte ich mir diese herzuleiten.
Prozesse bei anderen abzuschauen oder intuitiv zu erahnen, was wohl das „Richtige“ sein würde.

Die intuitive Herleitung klappte jedoch meist nicht so gut, weil ich einfach keine Empfindung dazu hatte. Ich wusste nicht, was richtig oder falsch sein würde.

Ich lernte nicht aus meinen bereits getätigten Erfahrungen.
Die Herleitung, „damals habe ich es so und so gemacht und das war super, deshalb mache ich es wieder so“, gibt es bei mir nicht.

Die verschiedenen Szenarien sind für mich jedes Mal wieder völlig neu und mit keinem vorher gegangenen Szenario zu vergleichen. Diese Parallele kommt mir meist auch einfach nicht in den Sinn.

Im Nachhinein, wenn ich für mich über das Geschehene noch einmal nachdenke oder ich es mit Jemandem gemeinsam reflektiere fallen mir einige Dinge dann eher auf.
Doch in den jeweiligen Momenten nicht.

Auch beim Autofahren habe ich mit dieser Tatsache zu tun. Wege herleiten oder einfach denselben Weg zurückfahren; für mich fast unmöglich. Denn es ist einfach nicht „derselbe“ Weg.

Alles ist anders. Denn es ist ja verkehrt herum. Dies ist dann nicht der gleiche Weg, wie der Hinweg.

In Bitte halbrechts abbiegen erzähle ich euch mehr davon.

Ich möchte sensibilisieren, die Augen und Ohren offen zu halten.
Asperger sind Überlebenskünstler.

Durch ihre Intelligenz und ihren Scharfsinn sind sie in der Lage unheimlich viel zu kompensieren,
ein Konstrukt um sich herum aufzubauen und ein wahres Schauspiel zu vollführen,
um der Welt ein gewisses Bild von sich und ihren Facetten zu präsentieren.

Oft ist dem nicht so.

Oft wirken sie stark und gefestigt, „normal“ und angepasst.

Doch häufig wollen sie einfach nur nicht auffallen.

Lügen ist in diesem Zusammenhang ein ganz spannendes Thema. Bzw. Notlügen.

Viele haben die Erfahrung gemacht, dass es sozial anerkannter, akzeptierter ist, wenn man eine Verabredung aufgrund von „Magen-Darm“ absagt, und nicht weil man heute keinen guten Tag und Angst davor hat, einen Parkplatz zu suchen.

Nach und nach wird ein Konstrukt an Lügen und Ausreden aufgebaut, um ja nicht die Wahrheit zu sagen und das Gefühl zu bekommen, sich erklären zu müssen.

Um nicht an Ansehen einzubüßen, Fragezeichen mit unangenehmen Folgen aufzuwerfen und sich mit Gesprächen konfrontiert zu sehen, die man eigentlich nicht gerne führen möchte.

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