Drei Familienmitglieder mit Autismus – drei völlig unterschiedliche Menschen

Ich habe das Glück, die Erfahrung machen zu dürfen, mit zwei Menschen aus dem Autismusspektrum zu leben.
Mittlerweile nicht mehr unter einem Dach und dennoch leben wir immer noch gemeinsam unsere Leben.

Bislang berichtete ich noch nicht über mein zweites Familienmitglied, was ebenfalls die Diagnose „Asperger Syndrom“ erhielt.

Es ist spannend zu sehen, dass wir uns in vielen Punkten ähneln und zugleich jeder für sich ganz anders ist, individuell, so wie ein jeder Mensch.

Mein Familienmitglied und ich denken zum Beispiel sehr ähnlich, also die Struktur wie wir Gedanken in unserem Kopf aufbauen und verfolgen, was wir uns fragen, was uns verwundert.

Mein zweites Familienmitglied hingegen ist in diesem Fall etwas anders. Für es sind soziale Begebenheiten nicht immer ganz einfach, auf Interaktionen angemessen zu reagieren oder auch das eigene Verhalten und selbst Gesprochene zu reflektieren.

Zutiefst bewundere ich den Ehrgeiz und den langen Atem den es für seine Leidenschaften verfolgt, gepaart mit dem Glück, diese als Beruf ausüben zu können.

Uns allen gemein ist der Blick fürs Detail, der Drang nach Perfektion und das Bedürfnis offen zu kommunizieren.

In unserer Familie wird stets offen miteinander gesprochen. Verschnörkelte Sprache wird nicht gut verstanden.

Bei einem Zusammenleben von drei Menschen mit Besonderheiten sind wir darauf angewiesen wirklich viel miteinander zu sprechen.
Mein Familienmitglied und ich benötigen sehr viel Schlaf, sind eher nachts als am Tag aktiv und können vollends in unseren Hobbies aufgehen.

Mein zweites Familienmitglied hingegen steht stets früh auf, egal ob Wochenende, Feiertag, oder regulärer Arbeitstag.
Es fällt ihm schwer, sich selber zu beschäftigen und dadurch fühlt es sich häufiger unausgelastet oder unausgeglichen.

Interessant ist, dass uns alle drei die Wahrnehmung von Sinnesreizen stark unterscheidet.

Meine beiden Familienmitglieder mögen einige Gerüche nicht und reagieren teils sehr stark darauf.
Ich hingegen eher auf Geräusche, Lärm und Licht.

Uns allen gemein ist die Leidenschaft für sich schön anfühlende Kleidung, Auffälligkeiten in unserer Kommunikation und Interaktion, sowie das Leben nach starken Prinzipien und Werten.

Wir besitzen und verfolgen einen starken Gerechtigkeitssinn, erwarten ehrliches und vorallem respektvolles Verhalten.
Uns selber ist es enorm wichtig, nach diesen Werten zu leben und verhält sich jemand nicht wertkonform können wir das häufig überhaupt nicht nachvollziehen, tolerieren oder sind entsetzt und verletzt.

In der Schule hatte ein jeder von uns dreien ein Thema. Jeder eine andere Besonderheit, aber keiner von uns ist glatt durchs Schulsystem gerutscht.

Jeder von uns besitzt ausgeprägte Leidenschaften, die uns sehr glücklich machen. Ein jeder jedoch wieder etwas völlig anderes.

Wir verstehen unseren gegenseitigen Humor nicht, fühlen uns deswegen manchmal angegriffen oder sind irritiert. Deshalb ist es gut, jemanden in der Vermittlerposition zu haben.

Wir alle drei sind eigen wenn es ums Essen geht.
Meine beiden Familienmitglieder mögen viele Lebensmittel nicht, mein zweites Familienmitglied mag meist nicht einmal probieren. Am liebsten isst es unter anderem Nudeln mit Tomatensoße.

Mein Familienmitglied und ich reagieren sehr empfindlich auf Lebensmittel und Situationen schlagen uns sehr schnell auf den Magen.

Ich bin die einzige von uns dreien, die irgendwann angefangen hat gerne neue Speisen zu probieren und offener und experimentierfreudiger zu werden.

Als Kinder waren wir alle nicht einfach mit dem Essen. Wir haben nicht viel gemocht und auch nicht viel probiert.
Am liebsten aßen wir ein kleines Portfolio an Essen, das sich im Optimalfall häufig wiederholte.

Wir alle drei können mit unvorhergesehenen Situationen nicht immer gut umgehen.
Mein Familienmitglied möchte am liebsten überhaupt nicht angesprochen werden, wohingegen mein zweites Familienmitglied und ich häufig nicht merken, dass wir uns zu provokant oder auch mal etwas peinlich verhalten. Meist finden wir selber uns super und dazu auch noch sehr witzig.
Deswegen ist es gut, sich im Nachhinein nochmal darüber zu unterhalten und sich über die unterschiedlichen Wahrnehmungen auszutauschen.

Ich benenne mein zweites Familienmitglied bewusst nicht beim Namen, weil ich es und seine Privatsphäre schützen möchte.

Autismus ist ein sehr privates Thema.
Ich habe mich bewusst dafür entschieden, gewisse Dinge Preis zugeben und zu teilen, weil ich das Ziel vefolge, vielen Menschen diese Besonderheiten nahe bringen zu können.
Jedoch macht man sich an einigen Punkten auch sehr verletzlich und immer wieder machen wir die Erfahrung, dass Menschen, sobald sie von unserer Diagnose hören, nicht mehr trennen können, zwischen uns als Mensch, wie sie uns vorher stets gesehen haben und den neuen Stempeln „Behindert“ und „Autist“.

Es stößt mir sauer auf, dass manche Menschen die Diagnose Autismus ins Lächerliche ziehen, Modediagnose schimpfen und teilweise einfach unfair werden.

Jeder der selber Autismus hat oder mit Jemandem zusammenlebt weiß, dass Autismus jeden Lebensbereich beeinflusst.
Von Geburt an. Wir leben jeden einzelnen Tag damit, manchmal unentdeckt, manchmal dazu gezwungen sich emotional und seelisch immer wieder vor Behörden etc. nackig zu machen.

Um so selbstbewusst mit mir und meinem Autismus umzugehen habe ich viele Jahre gebraucht.
Heute kann ich sagen ich bin stolz auf mich.

Und ich teile gerne Empfindungen, Erfahrungen und Erlebtes mit euch.
Weil ich den Wunsch und die Hoffnung habe, euch unterstützen zu können.

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