Willst Du einen mittrinken?

Als frisch gebackene stolze Studentin stürzte ich mich im Jahre 2012 siegessicher in den Hauspartydschungel. Ich konnte es kaum erwarten, mein Leben mal so richtig zu feiern, den herrschenden Klischees und Vorurteilen fauler und trinkfester Studenten nachzueifern und einfach nur ganz schnell ganz ganz viele Freunde zu finden.

Ich gab mir größte Mühe, den Äußerlichkeiten eines Hipsters zu entsprechen, sparte auf teure Schuhe und einen standesgemäßen Rucksack. Mein Club Mate sollte ja stilsicher durch die Gegend transportiert werden. Man sollte schon zwanzig Meilen gegen den Wind riechen;

Achtung Achtung, hier kommt eine Studentin, Freunde, platz da, ich feier mein Leben, ich bin ein Student!

Bereits in unserer Uni-Einführungswoche fand ich mich in einer kleinen Traube von Mädels wieder, die beschlossen; Wir sind jetzt Freunde!

Zack, erster Punkt auf der Liste war erfüllt, Freunde hatte ich schon mal.
Nun ging es an den zweiten Punkt. Partys und feiern, und trinken und Partys und feiern.

Die erste Einladung zu einer Hausparty lies nicht lange auf sich warten und so kam es, dass wir eines Samstagabends einen großen WG Flur betreten durften. Dieser Flur hatte die Aussage Flur eigentlich gar nicht verdient. Er würde nicht annährend seiner schieren Größe und Ausstrahlung gerecht. Ich werde ihn im folgenden als Palast bezeichnen. Oder als Eingangshalle. Vielleicht wäre auch Empfangshalle passender. Ach was, schnurz, er war einfach nur RIESEN groß!

In seiner Mitte hatte eine einladende Sitzgruppe Platz gefunden. Direkt daneben befand sich eine selbstgezimmerte Bar. Es gab mehrere, ich betone mehrere, Sofas die dieses Szenario einsäumen durften und trotz allerhand dieser Möbel war der Flur, sorry, die Eingangshalle, immer noch nicht ausgefüllt!

Leicht geflasht trottete ich meinem Rudel Mädels hinterher und wir verzogen uns in die Küche. An die Quelle jeglichen Glücks, dem Alkohol.
Freeunde, warum nicht in die Halle, aufs Sofa??

Nein nein, es musste ja getrunken werden. Die Tatsache sich kostenlos vollaufen lassen zu können musste schließlich ausgenutzt werden. Bekommt man ja nicht alle Tage diese Möglichkeit.

Ich maßte mir schon damals an, ein Menschenfreund und vorallem Menschenversteher zu sein. Schlecht Nein sagen war eine meiner größten Qualitäten und am Ende fand man mich bei Partys dann oft in der Ecke sitzend wieder, umringt von Menschen, die das ganz dringende Bedürfnis hatten mir von ihren Problemen zu berichten. Denn ich „sehe einfach so vertrauenswürdig aus“ und ich vermittele das Gefühl „mir einfach alles erzählen zu können“.

Ich Menschenversteher!

Was ich allerdings nie so recht verstand; warum werden manche Menschen erst nach 1 / 2 oder auch 3 Gläsern Alkohol so richtig witzig? Was hemmt euch so sehr?

An der Gruppendynamik interessiert und dem Wohlbefinden der Gruppe orientiert, passte ich mich selbstverständlich dem herrschenden Niveau an. Nein gesagt wurde sowieso nicht mehr und die sozialen Phänomene durchschauend war ich einfach nur stolz darauf, wie ich es schaffte mich zu integrieren.

Willst Du einen mittrinken? Na klar!

Willst Du etwas essen? Na klar!

Kennst Du das auch? Na klar!

Warst Du dort auch schon mal? Na klar! (Wo zur Hölle ist das?!) Aber; Na klar!

Ich fand mich super, und die Tatsache, dass ich am selben Abend noch mit einer Einladung für die nächste Hausparty nach hause ging war Bestätigung genug.

Fleißig Ja sagen, fleißig mittrinken, fleißig witzig sein, fleißig zu hören. Ich hatte es verstanden!

Man war ich eine Studentin!


 

Später am Abend, beziehungsweise früher am Morgen. Langsam mache ich mich auf den Heimweg. Das Gehen fällt mir schwer, zu schwer sind die Glieder.
Ich betrete den Hausflur. Diesig hängt mir der Partymief nach. Die Haare stinken nach Rauch, mein Parfüm erscheint mir auf einmal süßlich und schwer.
Ich schaue in meinen Garderobenspiegel, das Gesicht ist fettig. Meine Augen verschmiert.

Im Bad angekommen wische ich mir den ganzen Mist aus dem Gesicht. Wasche die Maske herunter. Das falsche Lächeln, die Unbeschwertheit.

Lasse die Gedanken in mein Leben. Die Sorgen zurück an ihren Platz. Mache meinem freien Ich die Tür auf und es entschwindet.

Ich bin müde. Die Schauspielerei schlaucht.

Ja ich bin frei. Aber so frei, mir auch die Freiheit zu lassen? Ich weiß es nicht.

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2 Gedanken zu “Willst Du einen mittrinken?

  1. Oh wie ich das von früher her kannte. Immer unterwegs, immer unter Menschen, ständig auf Parties, immer seelischer Mülleimer, immer unter- und zugleich überfordert und niemals wirklich erfüllt davon hinterher. Ich hätte es damals nicht lassen können, aber heute versuche ich nur Dinge zu tun die mir wirklich Spaß machen und nicht weil „man“ sie halt so tut und sich vorspielt weniger einsam zu sein, bloß weil Menschen anwesend sind.

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