Staub in der Umkleide

Es ist ein wunderschöner Sommertag. Die Menschen hasten geschäftig durch die Stadt oder machen es sich, bei einer Schorle oder Kaffee in einem der Straßencafes gemütlich. Es liegt Sommer in der Luft.
Meine Freundin N und ich schlendern durch die Läden. Sie findet wie immer, an jeder zweiten Kleiderstange etwas, was ihr unglaublich gut gefällt. Ihr Elan steckt an.

Voll bepackt mit Kleidungsstücken, die allesamt streng nach ´neu´ riechen stellen wir uns an der Schlange an, die sich vor den, mit Vorhängen verdeckten Kabinenräumen, gebildet hat. Das Licht der Neonröhren blendet unangenehm. Es flimmert leicht und taucht die Verkaufsfläche in ein kaltes Licht.

Die Kleidungsstücke wiegen schwer in meiner Armbeuge. Ihr Geruch steigt zu mir empor und die Schildchen, die seitlich etwas hervorluken, pieksen in meinen Arm. Ich hoffe, die Schlange rückt schnell vor. N plappert angeregt. Über die Arbeit, über dies und jenes. Sie scheint das Licht nicht zu stören. Die Dame vor mir umgibt eine leichte Schweißnote. Einer der Nachteile, der es mit sich bringt, in der warmen Jahreszeit shoppen zu gehen. Die Läden sind zum Teil schlecht klimatisiert und das Gehetze von einem Schaufenster zum nächsten trägt sein übriges dazu bei.

Wir rücken ein Stückchen vor. Ich zähle. Noch vier Menschen vor uns. Darunter zwei Freundinnen. Vielleicht haben wir Glück und sie teilen sich eine Umkleidekabine.

Ich bin froh, dass ich in meine Tasche heute nur das allernötigste getan habe. Normalerweise neige ich dazu, für alle Eventualitäten gewappnet zu sein, dass man meinen könnte, ich möchte am liebsten bei dir einziehen oder im nächsten Moment auf Weltreise gehen.
Von Tabletten, bis hin zu Trinken, geschmierten Broten, Pfefferminzbonbons, Desinfektions- und Feuchttücher, Taschentüchern, iPod mit Ohrstöpseln ist alles dabei. Dazu kommen die Standarddinge, wie Portemonnaie und Handy, Labello, Puder, Haargummi und Haarspangen, sowie Autoschlüssel und Haustürschlüssel.
Gegebenenfalls gesellen sich noch Pflaster, Blasenpflaster, Geleinlagen, durchsichtige Strumpfhosen oder Wechselanziehsachen hinzu.

Und hierbei spreche ich nicht, von einer gepackten Tasche für einen geplanten Übernachtungsbesuch. Dies ist der ganz normale Wahnsinn, den ich tagtäglich mit mir herumschleppe.

Teils ernte ich belustigte oder skeptische Sprüche, doch der eine oder andere, der bereits in den Genuss meiner gut ausgestatteten Tasche kam, weiß dies zu schätzen.
Kopfschmerzen, Frauenprobleme, wundgelaufene Füße? Ich bin gerüstet.

Meine Gedanken schweifen zurück in die Menschenschlange, in der N und ich uns befinden. Gleich sind wir dran. N schaut mich fragend an. „Geh ruhig zuerst“, flüstere ich ihr zu und sie biegt in die gerade eben frei gewordene Kabine ein. Kurze Zeit darauf bin ich dran. Ziehe sorgfältig den schweren Vorhang zu, der aus einem Stoff besteht, der es schafft immer, entweder auf der linken, oder auf der rechten Seite, einen Spalt von der Kabine für die neugierigen Blicke Außenstehender freizugeben. Nach kurzem hin und her ist das Problem bewältigt.
Der Hocker ist viel zu klein. Auf dem Boden der Kabine bilden sich kleine Ballen von Staub. Der Spiegel ist fleckig, Fettfingerabdrücke zeichnen sich an seiner Seite ab.
Von wie vielen skeptisch dreinblickenden Frauen wurde er wohl schon hin und her gedreht, um ihren prüfenden Blicken stand zu halten. Dem Boden nach zu urteilen wird diese Kabine wohl nicht sehr oft gereinigt. Ich beschließe den Spiegel Spiegel sein zu lassen und nicht ihn, sondern mich zu bewegen, um andere Perspektiven von mir und dem Kleidungsstück zu erhaschen. So gut es eben zumindest geht.

Auf Zehenspitzen arbeite ich mich in meinen Kleidungsstücken hindurch. Versuche meine immer elektrisierender werdenden Haare zu bändigen und ärgere mich, sie nicht vorher zu einem Zopf zusammengebunden zu haben.
Ich schlüpfe in die Ballerinas und ärgere mich über die Art, wie sie miteinander, per Preisschild, zusammengeheftet wurden. Sie sind verbunden, durch ein dünnes Plastikbändchen, dass es mir nicht ermöglicht, zwei drei Schritte mit den Schuhen zu gehen, weil ich meine Füße nämlich gar nicht auseinander bewegen kann.
Das Preisschild der eigentlich sehr schönen Bluse piekst, und ich werfe einen prüfenden Blick auf das für sie verwendete Material.
Ich kaufe bevorzugt, und eigentlich fast ausschließlich, Anziehsachen aus 100 Prozent Baumwolle. Ich habe keine Lust auf nervige Schweißflecken, schnell übelriechende Materialien, oder sich statisch aufladene Stoffe, die mich regelmäßig einen Stromschlag abholen lassen, sofern ich eine ähnlich aufgeladene Oberfläche berühre.

Als N und ich an der Kasse stehen bin ich froh. Bald geschafft. Ich zücke mein Portemonnaie und hole mit spitzen Fingern das Kleingeld aus der Tasche. Ich mag es nicht, Geld anzufassen und habe danach den starken Drang, am liebsten jetzt und sofort meine Hände waschen zu wollen.
Lächelnd nehme ich die Tüte von der Verkäuferin entgegen und wir machen uns auf den Weg nach draußen, in den Sonnenschein.
Schlengeln uns durch die Menschen, Fahrradfahrer, Kinderwagen und Hundebesitzer.
Weichen den Menschen aus, die das Talent haben am liebsten mitten im Weg stehen zu bleiben, und zwar so, dass man erst einmal abrupt abbremsen muss, um nicht volle Kanne in sie hinein zu brettern.

Heute Abend im Bett kann ich mich zufrieden zurücklehnen. Es war ein erfolgreicher Tag.

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3 Gedanken zu “Staub in der Umkleide

  1. Diese im Weg-rum-steher gibts leider zu oft. Die stehen aber auch an jeder Ecke. Lass nur mal Ostern oder Vorweihnachtszeit sein, dann bleibt man besser drinnen. Da gibts von denen unzählige.

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