Hausschuhpflicht oder „Zieh dir bitte deine Jacke an, wenn Du hinaus gehst!“

An meine Grundschulzeit begleiten mich fast durchweg positive Erinnerungen. In meiner Mitte ruhend und voller Elan machte ich mich jeden Morgen auf den Weg zu meiner Grundschule.

Durch unseren Wald bis hin zum Schulgebäude, keine 10 Minuten von meinem Zuhause entfernt.
Es ging die kleine Eingangstreppe hinauf, hinein in das Schulgebäude. Die Flure waren gesäumt von Millionen von Jackenhaken, Fotos, gemalten Bildern und Schuhen, die ihre Besitzer wohl nie mehr in ihrem Leben wiederfanden. Ich kann mich noch wie heute an unsere Haken für die Jacken draußen auf dem Flur erinnern. Mit einem wohlig gruselnden Schauer, denke ich an die Hausschuhpflicht zurück, die mich meine Grundschulzeit hindurch begleitete. Es war wie eine Hassliebe, wie Ying und Yang, wie Pudding plus Haut, die Hausschuhpflicht und ich.
Versteht mich nicht falsch, ich habe meine Hausschuhe geliebt, mit ihnen an den Füßen konnte ich mich während des Unterrichts viel besser konzentrieren, aber es war mir ein Graus, mich nach dem Pausenklingeln durch einen Berg fremder Kinderschuhpaare den Weg hindurch, zu meinem Paar zu bahnen. Der Lärm, die Klassenkameraden, die sich ohne Rücksicht auf Verluste auf die Straßenschuhe stürzten und dabei auch oft genug auf meinen herumtrampelten, um so schnell wie möglich hinaus auf den Pausenhof gelangen zu können.

Es endete oft damit, dass ich dem Treiben ein paar Minuten zuschaute, bis sich die erste Schar blökender Menschen verzogen hatte, um dann in Ruhe in dem Schlachtfeld nach meinen Schuhen suchen zu können. Ich verstaute meine roten Filzies dann ordentlich an ihrem angestammten Platz, nur um beim erneuten Klingeln der Pausenglocke voller Entsetzen feststellen zu müssen, dass Schuhe auch gerne als Fußball, Sitzkissen, lästige Hindernisse oder ähnliches wahrgenommen werden konnten.
Ähnlich spielte sich das Dilemma mit den Jacken an unserer den Flur säumenden Garderobe ab. Jedes Kind hatte zwar einen eigenen Kleiderhaken, um Streit oder Missverständnissen vorzubeugen. Dennoch war allein die Tatsache, dass die Nachbarjacken links und rechts von meiner, meine Jacke überlappen könnten, ein Graus.

Ich mag es auch heute nicht, wenn fremde Jacken meine Jacke berühren. Die Kleidungsstücke riechen anders, fremd und ich finde es einfach unhygienisch. Es ist fast so, als würden diese Jacken die Privatsphäre von meiner Jacke übertreten. Wenn ich so darüber schreibe klingt es etwas bescheuert. Und wenn sich dann auch noch die Ärmel überlappen oder, im aller- allerschlimmsten Fall jemand auf die grandiose Idee kommt (besonders gerne in Arztpraxen- Baaakteriengefahr) seine Jacke gar ÜBER meine Jacke auf DENSELBEN Haken zu hängen, dann ist ganz vorbei.

Sehe ich die missliche Tat, weil ich gerade noch im Wartezimmer verweile, muss ich mich ganz stark zusammenreißen nicht direkt aufzuspringen und meine Jacke zu „befreien“. Ich weiß, dass dies ziemlich doof rüberkommen und von dem intelligenten Menschen, dem die Jacke über meiner gehört, als anstoßend und unhöflich empfunden werden würde. Trotzdem, ich würde es so so gerne tun! Schlimm auch, wenn ich mich nicht im Wartezimmer aufhalte, während jemand den Lagenlook mit meiner Jacke konzipiert. Wer weiß wie lange diese dann übereinander hingen? Mittlerweile ist es so, dass ich meine Jacke meistens auf dem Schoß belasse und dann beim Aufrufen mit hinein ins Behandlungszimmer nehme.

Es sei denn, es ist eine überdimensionale riesen Garderobenstange vorhanden, dann kann ich sie guten Gewissens auch benutzen. Der letzte Bügel, in der hintersten Ecke ist dann meiner. Möglichst unattraktiv für andere. Möglichst ohne Kontakt zu fremden Jacken. Oder Regenschirmen. Oder Schals.
Nun zurück zum Pausenszenario aus meiner Grundschulzeit.
Stellt euch nun also bildlich vor: ein Haufen von gefühlten 100 (es waren vielleicht 25) lauten, kreischenden, schubsenden, singenden Mädchen und Jungen, die sich gegenseitig Dinge zu brüllen, versuchen gleichzeitig mit einem Affenspeed von 100 Stundenkilometern an die Jackenhaken zu gelangen. Schubsen schieben, zerren ihre Jacke vom Haken und reißen dabei im schlimmsten Fall noch DEINEN Schal mit. Oder deinen linken Handschuh der in der linken Jackentasche gesteckt hatte. Oder fegen am besten noch das gesamte gute Stück vom Haken, sodass du dich erstmal in meinem Akt der Selbstaufopferung und voller Theatralik den Weg hindurch zu deinen Habseligkeiten wühlen, ja förmlich erkämpfen musst. Während du dir die Schuhe anziehst, bekommst du von links einen Schubser, weil sich Kind X mit Kind Y im Spaß rauft. Rechts neben dir zieht sich Kind K gerade ebenfalls die Schuhe an. Du findest seine Nähe unerträglich, weil, so genau kannst du dir auch nicht erklären warum, er immer sehr penetrant nach Essen riecht. Und du magst keinen Essensgeruch an Menschen.
Diese Gegebenheiten führten irgendwann dazu, dass ich mir angewöhnte am liebsten ohne Jacke hinaus in die Pause zu gehen. Es regnete, Anna war ohne Jacke. Der Wind pfiff mit 300 Stundenkilometern, einem Affenzahn der sogar Autos anheben konnte über unseren Schulhof; Anna war ohne Jacke. Damals fühlte ich mich wie ein Rebell. Wie Indiana Jones im Großstadtdschungel (höhö) der den Wetterwidrigkeiten trotzt und stramm seinen Weg geht. Heute sag ich, das war dämlich. Und gleichzeitig meine einzige wasserdichte Strategie die mir irgendwie half so schnell wie möglich hinaus in die Pause und raus aus dem unerträglichen Gedränge zu kommen. Selbst wenn Kinder aufgedreht und fröhlich und super duper gut gelaunt sind, müssen sie ständig brüllen?

Schon als Kind fand ich brüllende Kinder total doof. Wen interessiert es, wenn Kind P etwas total hammer geiles gemacht hat oder Kind Z eine doofe Pute ist, denn sie hat ja Kind W geschubst. Kannst du dir das vorstellen?

Das hat sie tatsächlich getan?! Woah.
Ebenfalls war und bin ich kein Freund von Menschen, die mir während ich mich mit ihnen unterhalte, wild gestikulierend ihren Arm entweder am liebsten ins Gesicht, in die Magengrube oder pausenlos in den Himmel recken wollen. Oder im besten Fall, die Mitmenschen massakrieren, in dem sie deren Laufweg mit weit ausholenden Armbewegungen kreuzen, sodass nur ein schneller Schlenker vor dem sicheren Schlag schützen kann. Kann man das, was man zeigen möchte, nicht auch mit Worten umschreiben?
Meine Mama bat mich jeden Morgen, außer im Hochsommer, darum, in der Pause dann bitte meine Jacke anzuziehen, um mich nicht zu erkälten. In meiner weiteren Schullaufbahn, man kann es schon fast Karriere nennen, hielt ich mich tapfer daran. Gott sei Dank werden sogar Kinder mit einem gewissen Alter langsam ruhiger. Oder verstehen zumindest immer besser den Unterschied zwischen fremdem und eigenem Eigentum. Im besten Fall zumindest.

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