Über die eigene Diagnose sprechen

Es ist mittlerweile 6 Jahre her, seitdem ich meine Diagnose erhielt; Asperger-Syndrom. Es hat sich viel getan, vor allem empfinde ich persönlich die Verortung in einem Spektrum für mich passender und begrüße den Schritt in diese Richtung. Zu unscharf waren die Trennlinien und die Aussagen, dies entspräche einer „leichten Form von Autismus“ sind nicht tragbar und faktisch einfach falsch.
Ich betone noch einmal, dies entspricht meiner persönlichen Meinung und Wahrnehmung.

Ich habe bereits an anderen Stellen meines Blogs angeschnitten, dass sich nach meiner offiziellen Diagnose für mich nicht viel geändert hatte.
Reflektiere ich heute, würde ich sagen; oh doch, es hat sich die Welt für mich geändert!
Die erste Zeit nach Diagnosestellung war ich damit beschäftigt, mich neu zu finden und einzuordnen. Ich tat mich sehr schwer damit, hegte große Zweifel. Zweifel an mir, meiner Diagnose, meinem Lebensweg und an den Vorstellungen, die ich bezüglich meiner Zukunft hatte. Es schien alles auf den Kopf gestellt zu sein, nichts von dem was ich mir so erhoffte mehr möglich. Ich hatte eine Barriere in meinem Kopf. Es war eine neue Situation, von einem vorher vermeintlich „gesunden“ Menschen zu einem „behinderten“ Menschen eingeordnet zu werden. Die erhaltenen Informationen konnten nicht mehr rückgängig gemacht werden. Es war gesagt. Es war ausgesprochen; Ich habe tatsächlich Autismus. Das Kind, das ich immer war, hatte seinen Namen erhalten.

Ich wusste anfangs nicht, damit umzugehen. Wie Gespräche darüber führen; darüber wer ich bin, oder wie sagt man; was ich bin? Ich bin ja schließlich immer noch ich, aber mein Zugang zum Leben hatte sich geändert und somit auch ein Stück weit ich selbst.

Von Beginn an versuchte ich so offen wie es mir möglich war damit umzugehen. Doch die Unsicherheit war ein stetiger Begleiter. Ich hatte noch kein Selbstbewusstsein, Bewusstsein für mich und die neue Situation. Das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit war ein sehr großes. Ich zog mich viele Monate in den Schutz meiner Familie zurück. Dort sprach ich viel und versuchte mir das innere Gefühl, das ich mir nicht geben konnte, von Außen zu vermitteln.

Es dauerte viele Jahre, bis ich wirkliche Gespräche über Autismus führen konnte. Mit wirklichen Gesprächen meine ich, Gespräche in denen ich über das Thema rede, ohne das Gefühl zu haben, mich zu verletzlich dabei zu machen. Zu informieren, ohne zu viel Preis zu geben, zu sensibilisieren, ohne zu emotional aufgeladen zu sein. Einen Vertrauensvorschuss zu geben und somit einen Einblick in eine Welt, die oft nur allzu abstrakt erscheint.

Unzählige Male begegnete mir Verwunderung und vor allem die Aussage „Das sieht man dir ja gar nicht an!“ Oder „Das hätte ich niemals gedacht!“
Unsicher bin ich mir manchmal über meine Haltung hierzu. Diese ist natürlich davon abhängig, wer diese Aussagen trifft, jedoch nicht wirklich vom Kontext losgelöst.
Ich nehme mir dann die Zeit und stoße in der Regel auf großes Interesse. Die Verwunderung über die vorher nicht vorstellbare Information über mich öffnet Türen. Dies kann als Geschenk empfunden werden. Es schwingt jedoch auch der Druck mit, sich rechtfertigen und positionieren zu müssen. Ich spreche nicht über meine Diagnose, um damit zu sagen: „Oh doch doch, mir geht es manchmal schlecht, aber das ist unsichtbar, deshalb sage ich dir das jetzt, damit es nicht mehr geheim ist“, sondern es ist ein Aspekt meiner Anerkennung und Akzeptanz mir gegenüber. Es dient dazu, dass ich mich leben kann. Ich möchte dann, wenn mir danach ist, ich sein können.

Die Aufklärung und Sensibilisierung sind ein Teil davon. Jedoch betreffen diese nicht nur das Autismusspektrum, sondern greifen die Tatsache auf, dass ich von meinem Standpunkt und meiner Wahrnehmung die Welt und das Leben zu sehen, niemals grundsätzlich auch auf die Wahrnehmung aller anderen Menschen schließen kann.
Eine unendliche Vielfalt begleitet unser Leben und die vermeintliche Mehrheit verschiebt und unterscheidet sich, je nach Standpunkt den ich einnehme.

Grundsätzlich kann ich sagen, dass ich mittlerweile sehr offen mit meinem Autismus umgehe. Ich habe durch die Gespräche und erlebten Situationen viel gelernt und mir eine gewisse Selbstsicherheit aufbauen können. Ich bin immer noch auf die Reflexion angewiesen, welche ich für mich selber vornehme und ganz wichtig, in Gesprächen mit meinen Vertrauenspersonen. Ich stelle gezielte Fragen, um sich mir unklare und unschlüssige Situationen aufklären zu können. Ich schildere dann die Begebenheiten und hole mir Tipps, wie ich in Zukunft reagieren und vorgehen könnte. So baue ich mir meinen Handlungsspielraum immer weiter aus. Das funktioniert für mich wirklich ziemlich gut.

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